Testbericht vom Oculus Rift: Die Zukunft des Virtual-Reality-Gamings in Händen gehalten

Testbericht vom Oculus Rift: Die Zukunft des Virtual-Reality-Gamings in Händen gehalten

Oculus Rift

Ich stehe vor dem Spiele-Labor der Hochschule Furtwangen, wo ich dankenswerterweise das Oculus Rift in der Developer-Edition ausprobieren darf. Besten Dank dafür nochmals.

Oculus Rift

Ich betrete den Raum, schaue nach links und rechts und finde sie direkt vor mir liegend. Ihr Oberteil kurvig geformt und in schwarz gekleidet – untenrum hat sie vier Eingänge: HDMI, Mini-USB, DVI und einen Netzanschluss. Das Oberteil ist in diesem Fall die Brille an sich, die mit einer kleinen, schwarzen Box verbunden ist, die alle Sensor-Daten aufnimmt, weitergibt an den PC und andersrum. Im Koffer liegen zudem drei verschiedene Linsen: Einmal für Menschen mit sehr guten Augen, mit leichter Kurzsichtigkeit und mit krasserer Kurzsichtigkeit.

Ich ziehe die Brille, die mich an eine Snowboard-Brille erinnert, über meinen Kopf und tauche ein in eine andere Welt. So kommt es mir zumindest vor. Es ist irgendwie unbeschreiblich, wenn man so etwas vorher noch nicht probiert hat. Ich neige den Kopf nach links, nach rechts, 360 Grad sind möglich. Aber wie bewege ich mich? Die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt durch Tastatur und Maus. Mit der Razer Hydra (Gaming Controller) soll ein besseres Gaming-Gefühl möglich sind, aber für einen ersten Versuch begnüge ich mit der altbewährten WASD-Steuerung. Es ist faszinierend. Ich schaue nach oben, laufe nach oben und vergesse, dass ich in einem Computerraum sitze. Als ich ein Horror-Spiel anzocke, merke ich wie mir die Haare zu berge stehen, weil das Spiel trotz geringer Auflösung unter die Haut geht. Das liegt vermutlich an der Tatsache, dass ich dem Spiel nicht entkommen kann. Ich muss mich den Gefahren stellen und kann nicht einfach die Hand vor die Augen halten, wie es bei bösen Horrorfilmen gerne gemacht wird. Ich blicke dem Tod ins Gesicht, doch die Spannung wird unerträglich und ich beende das Spiel, da ich ausgeliefert bin, so ganz ohne Waffen. Ich empfehle es wirklich jedem, die Oculus Rift auszuprobieren.

Technik – Wie funktioniert das Teil überhaupt? Als Palmer Luckey, der 21-jährige Erfinder von Oculus Rift, vor etwa einem Jahr über 2,4 Millionen Dollar für die Entwicklung kassierte – es waren nur 250.000 Dollar gefordert – geriet die Welt für kurze Zeit ins Staunen. Wer ist dieser junge Mann und wie soll er es schaffen die Welt mit einer Virtual-Reality-Brille (VR) zu revolutionieren? Im März 2013 war es dann soweit., die ersten Entwickler-Geräte wurden verschifft und an die Kickstarter-Unterstützer versendet. Doch wie funktioniert die Technik überhaupt?

Im Grunde ist es ganz simpel. Auf einem Display werden zwei Bilder gezeigt, für jedes Auge eines. Diese sind nicht identisch, sie weichen leicht voneinander ab – wie im echten Leben. Das linke Auge sieht einen anderen Bildausschnitt als das rechte. Zu diesem verschobenen Bild wird nun noch ein Barrel Distortion Shader hinzugerechnet, der das Bild wölbt. Das ist nötig, da die Linsen das Bild sonst zu stark verzerren würden. Shader und Linse heben sich am Ende auf, so dass ein recht breites Sichtfeld mit stereoskopischer Tiefe, ohne jegliche Verzerrung, entsteht.

Anwendung – Was ist alles möglich? Neben allen Spielen, die auf Unity oder der Unreal-Engine basieren, gibt es noch viele weitere Games und es werden immer mehr. Half-Life 2 und Team Fortress 2 sind nur zwei bekannte Spiele, die es gibt. Battlefield 4, das auf der Frostbite Engine basiert, soll ebenfalls auf dem Oculus Rift spielbar sein. Fragt sich nur, ob das Oculus vor BF4 auf den Consumer-Markt kommen wird. Getreu dem Motto „If it exists, there is porn of it“, stehen bereits exotische Spiele wie „Wicked Paradise“, das dem Nutzer ein reales Liebesvergnügen mit animierten Frauen verspricht, in den Startlöchern.

Es gibt auch noch verrücktere Entwicklungen, wie etwa ein virtuelles Kino. Wer keine Lust auf Spacko-Kinder hat, die hinter einem sitzen und während des gesamten Filmes laut kichern oder mit Popcorn werfen, der kann sich mit der Oculus-Brille in ein Kino nach Wahl beamen lassen. Dort einen Film nach Wahl schauen und ach den Sitzplatz frei wählen. Verrückt!

Pixel, Schweiß und Moneten Was mich allerdings beim Zocken mit dem Oculus Rift sofort störte war der Mangel an Pixeln. Unter dem Plastikgehäuse steckt Display mit einer schwachen Auflösung von 1280×800 Bildpunkten. Hört sich nach genügend an, da HD. Da das Display aber auf zwei Augen aufgeteilt wird, ergibt sich eine Auflösung von 640×800 Pixel. Durch den kurzen Abstand zwischen Augen und Display, ist es also problemlos möglich die einzelnen Pixel zu betrachten und nachzuzählen. Der Hersteller verspricht für die Consumer-Version auch die Auflösung hochzuschrauben – Minimum FullHD. Ein solcher Prototyp mit 1080p, wurde auf der E3 vorgestellt.  Mit der besseren Auflösung soll der Nutzer noch besser in die Spielwelt integrieren werden.

Egal wie groß die Auflösung das Oculus auch sein mag, so hat diese keine Auswirkung auf Körperfunktionen. All das sind Probleme, mit denen die VR-Brille zu kämpfen hat. Berichten zufolge hätten Nutzer mit Schwindelgefühlen zu kämpfen oder während dem Tragen Kopfschmerzen bekommen. Das kann ich alles nicht bestätigen. Jedoch war ich nur ungefähr eine halbe Stunde im Bann der virtuellen Realität. Was bei längerer Nutzung passiert, kann ich nicht sagen. Ein größeres Problem ist in meinen Augen die Hitze unter der Haube und der daraus resultierende Schweiß. Ich habe geschwitzt wie eine Prostituierte im Beichtstuhl, was dazu führte, dass die Linse mit der Zeit beschlug. Es kann auch an den 9000 Grad Außentemperatur oder dem angespielten Horrorspiel, wo ein kleines verrücktes Mädchen in einem Haus rumrennt, liegen. Aber es ändert kaum etwas, an dem Störfaktor. So musste ich dauernd die Linsen abwischen, damit ich wieder etwas sehe. Glücklicherweise ist ein Microfaser-Tuch im Lieferumfang, aber dennoch lästig.

Ein Geldbeutel-Schoner ist das Oculus Rift aktuell auch nicht. Der Consumer-Preis soll, wie bei der Developer-Edition, bei 300 Dollar bleiben. Zwar stand schon zur Debatte, das Gerät for free zu verteilen, um dann Geld über Games zu kassieren, jedoch wurden diese Pläne schnell zerschlagen, da nicht genügend Game-Partner zur Verfügung standen. Bei Konsolen-Herstellern ist diese Art des Geldverdienens schon lange Standard, weshalb Playstation und Xbox relativ günstig zu haben sind. Aber auch Amazon macht mit dem Kindle Fire HD mit Sicherheit Verluste, die er mit dem Verkauf von eBooks und anderen Angeboten diese Verluste wieder ausgleicht. Bis das Oculus bereit für den Massenmarkt ist, kann sich noch viel ändern. Abwarten und Tee trinken ist angesagt – noch ist alles möglich.

Einschätzung Zum Bedauern vieler Konsolen-Fans will der Hersteller des Oculus Rift den Schwerpunkt auf PC-Hardware und Mobile Devices legen. Besitzer von Playstation, Xbox oder Nintendo Wii schauen also noch in die Röhre. CEO Brendan Iribe interessiert sich insbesondere für die schnelle Entwicklung im Bereich der Smartphones. Vergleiche man die neuen Galaxy-Phones oder iPhones mit Konsolen, so falle auf, dass Konsolen über acht Jahre gebraucht haben, um sich technisch weiterzuentwickeln, verriet er in einem Interview des Edge-Magazins. Wie das Oculus mit dem Smartphone interagieren soll, verrät er jedoch nicht.

Meiner Meinung nach wird das Oculus Rift den Gaming-Markt von hinten aufmischen und die Art, wie wir es zu Zocken gewohnt waren, grundlegend verändern. Es ist ein unglaubliches Feeling! Wir werden von der Arbeit nach Hause kommen, das Mittagessen vom letzten Tag aus dem Kühlschrank holen, aufwärmen und schnell in uns reinschaufeln, da es nicht möglich ist, mit der Brille zu essen. Danach sofort vor den PC, Oculus aufsetzen und schon geht es ab in die virtuelle Welt. Einige Menschen werden sich verabreden und gemeinsam in einen Kinosaal gehen, um sich dort einen Film nach Wahl, auf dem Wunsch-Sitzplatz, anschauen. Ist das schon der Niedergang der echten Kinos? We’ll see… Andere spielen mit animierten Nutten in einem Stripclub, verprügeln Aliens mit Riesendildos, bestreiten mit Freunden das eine oder andere Autorennen oder ziehen zum Training in den Krieg und üben sich im realistischen Töten von Terroristen.

Ich werde mir jedoch keine VR-Brille kaufen. Ich sehe lieber, was um mich herum passiert, während ich zocke oder Filme schaue. Ich möchte lieber mit Freunden auf dem Sofa sitzen, wo man sich gegenseitig noch in die Augen schauen kann, anstatt alleine, mit Plastik-Kasten auf der Nase, über das Internet in eine virtuelle Realität einzutauchen, wo man sich mit Freunden trifft, die ebenfalls mit Klotz im Gesicht, nackt Zuhause auf dem Sofa liegen.

Zukunft ja – aber ohne mich.

Hier noch kurz ein Video einer 90-jährigen Frau, die das Oculus Rift testet und überhaupt nicht mehr klar kommt. Möglicherweise sind Senioren eine relevante Zielgruppe.

 

The following two tabs change content below.

Florian Fritz

Essperimentalphysiker
Philanthrop und Handyfetischist der ersten Stunde. Alles begann mit dem Sagem MC-939. Später folgten das Siemens MT50, Sony Ericsson K300, BenQ Siemens S88, Motorola Defy, Samsung Galaxy Note 2 und das neue, dicke Ding in seiner Hose ist das OnePlus One. In seiner Freizeit identifiziert er liebend gerne Smartphones in freier Wildbahn und ruft deren technische Daten aus dem Gedächtnis ab. Über Twitter findet ihr noch mehr geilen Shizzle von mir.