Samsung Galaxy S4 Zoom im Test: Inselbegabter Zyklop mit Klumpfuß

Samsung Galaxy S4 Zoom im Test: Inselbegabter Zyklop mit Klumpfuß

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Vor knapp zwei Jahren stellte Samsung seine Galaxy Camera vor und ich war verliebt. Dieses Mischwesen aus Android und Kamera erschien mir als Augenweide und ich war kurz davor meinen Geldbeutel zu zücken. Doch dann musste ich mit Erschrecken feststellen: Es ist nur eine Kompaktkamera mit Android-Betriebssystem. Ich fiel aus allen Wolken und war einen Schritt davon entfernt einen Flame-Angriff auf Samsung zu starten. Glücklicherweise bin ich mit der Gabe der Gelassenheit gesegnet und wartete also ab, in der Hoffnung, dass bald ein Schwestermodell auf den Markt kommt, das telefonieren kann. Und dieser Tag sollte kommen. Im Juni 2013 erblickte das Galaxy S4 Zoom das Licht der Welt.

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Und so landete das S4 Zoom nicht nur in einem neuen Markt, sondern auch auf meinen Schreibtisch. Hier versuchte es in drei Wochen noch einmal das alte Feuer in mir zu entfachen. Ob sich das Samsung Galaxy S4 Zoom (kurz: SGS4Z oder noch kürzer: S4Z), welches aktuell 365 Euro bei Amazon kostet, in mein Herz knipsen konnte, erfahrt ihr im weiteren Verlauf des Tests. Alle aufgenommenen Bilder und Videos findet ihr auf meinem flickr-Account.

Technische Daten des Samsung Galaxy S4 Zooms (SM-C101):

  • 125,5 x 63,5 x 15,4 mm und 208 Gramm schwer
  • 4,3 Zoll großes Super-AMOLED-Display (960×540 Pixel)
  • Akku mit 2.330 mAh
  • Samsung Exynos 4210 Dualcore-CPU mit 1,5 GHz Taktung und Mali-400-GPU
  • Android 4.2.2 mit TouchWiz
  • 1,5 GB RAM Arbeitsspeicher
  • 8 GB interner Speicher (erweiterbar mit microSD)
  • 16-Megapixel-Kamera mit zehnfachem optischen Zoom, Xenon-Blitz, Bildstabilisator, Blende von 3,1-6,3, BSI-CMOS-Sensor, Videos in 1080p(30fps),1,9-MP-Frontkamera
  • WLAN 802.11 a/b/g/n, DLNA, MHL, Bluetooth 4.0, GPS, microSIM, HSPA+
  • 48 GB kostenloser Dropbox-Speicher für 2 Jahre

Handling: K(l)otzen statt kleckern

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Auf den ersten Blick fällt auf: Das S4Z sieht irgendwie anders aus als das Mutterschiff Galaxy Camera. Was ist passiert? Samsung wollte vermutlich mit aller Gewalt einen Wechsel-Akku, einen SIM- und einen microSD-Slot an die gleiche Stelle verbauen. An sich keine schlechte Idee, wenn nicht das Design darunter leiden würde. In seiner jetzigen Form wirkt das S4Z wie der kleine, dicke Bruder von der Galaxy Camera, der in der Schule gerne den anderen Mitschülern die Schokoriegel klaut und die ganze Zeit im Unterricht nur herumpöbelt. Soweit der erste Eindruck. Bleiben wir nun sachlich und schauen uns das S4Z etwas genauer an.

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Das Super-AMOLED-Display wirkt sehr klar und farbenprächtig und mit 4,3 Zoll besitzt es eine sehr angenehme Größe. In meinen Augen sind 4,3 Zoll die optimalen Ausmaße für ein Smartphone (auch wenn ich privat ein Note 2 nutze). Die qHD-Auflösung des S4Z empfinde ich als ausreichend – die Pixel sind im Grunde nicht einzeln wahrnehmbar. In der Hand fühlt sich das Camphone (Achtung, neues Wort) leicht billig an. Das liegt wohl daran, dass Samsung so gut wie überall Polycarbonat verbaut. Lediglich der Zoom-Ring wirkt so als würde er aus Aluminium bestehen. Um das S4Z lässig durch die City zu tragen, fehlt  leider eine Trageschlaufe. Ein Loch ist zwar vorhanden, aber Samsung liefert kein passendes Zubehör mit. Ich würde es ja gerne in die Hosentasche stecken, allerdings ist es viel zu dick und es würde aussehen wie Simon Gosejohann mit enger Radlerhose.

Möchte man mit dem S4Z eine Nachricht schreiben, so stellt sich dieses Unterfangen als sehr schwierig dar. Der gewöhnliche Homo Sapiens lernte in den letzten Jahren, dass man bequem den Rest der Hand auf die Rückseite legen kann, um damit zu tippseln. Dummerweise hat Samsung hier das Objektiv verbaut, so dass die Finger keinen Platz mehr haben. Nun versucht der Homo Sapiens irgendwie die Kamera in die Hand zu nehmen, um Nachrichten zu schreiben. was im Grunde so nicht möglich ist. Es nervt einfach in der Hand und nach zwei Wochen hatte ich keine Lust mehr, Nachrichten mit mehr als 38 Zeichen am Stück zu schreiben.

Ausdauer: Nichts für den Urlaubsbilder- oder Profifotografen

Im Inneren des S4Z steckt ein Akku mit 2.330 mAh Kapazität. Mit Hilfe des mitgelieferten Ladegerätes verweilte das Camphone satte drei Stunden an der Steckdose. Wer sein S4Z auf Fotosafari mitnehmen möchte, sollte sich grundsätzlich zwei Ersatz-Akkus und ein zusätzliches Akku-Ladegerät einpacken. Denn wer normal mit einer DSLR fotografiert, kennt diese Problematik, dass gerade ein tolles Motiv auftaucht und der Akku auf einmal nur noch 2% Akku hat und die Kamera ausgeht. Aus diesem Grund hat man im Idealfall einige Ersatz-Akkus dabei. Samsung liefert leider keinen zweiten Akku mit, was ich sehr schade finde.

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Im Alltag schafft das S4Z souverän einen Tag – allerdings knipse ich nicht den ganzen Tag Bilder und poste sie auf Facebook. Wer jedoch die ganze Zeit nur Bilder und Videos aufnehmen möchte, der muss recht schnell wieder eine Steckdose suchen. Bei grafiklastigen Spielen sieht es noch düsterer aus, da wird der Akku noch schneller ausgelutscht – nach knapp 5 Stunden war der Saft raus. Da Zocken dank der unförmigen Rückseite aber kaum Spaß bereitet, sollte dieser Extremfall eher selten vorkommen.

Multimedia: Kamera heißt nicht Philipp, ist trotzdem manchmal lahm

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Nicht nur von außen sieht das S4Z aus wie eine Kamera, auch bei der Software sponsert der Hersteller ein paar nette Features für Kamera-Enthusiasten. So wurde zum Beispiel die Kamera-App komplett umgestaltet. Neben zig Voreinstellungen ist es ist nun möglich alle Kamera-Einstellungen selbst zu wählen: ISO, Blende, Verschlusszeit, Weißabgleich, etc. Allerdings dauert dieser Vorgang gefühlt eine Ewigkeit. Was bei der normalen DSLR über ein physisches Rad an der Seite funktioniert, muss umständlich über den Touchscreen angesteuert werden. Das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Nerven.

Des Weiteren hat Samsung ein paar spezielle Apps nur für das Zoom bereit gestellt. So gibt es neben einigen Editing-Apps auch eine neue, coole App namens „Fotovorschlag“. Mit ihr lassen sich nette Motive in der Umgebung finden, die andere User fotografiert haben. Die App greift dabei auf die Daten von Panoramio zu und stellt sie übersichtlich in Google Maps dar.

Der Kamera-Sensor nimmt mit einer Auflösung von 16 Megapixel auf –allerdings nur bei einem Bildformat von 4:3. Wer seine Bilder aber gerne im Format 16:9 aufnimmt, hat nur noch 12 Megapixel zur Verfügung. Noch trauriger macht mich die Tatsache, dass die Bilder nicht im RAW-Format gespeichert werden – lediglich JPEG ist möglich. Das ist schade, da ich gerne in der Nachbearbeitung mit den Werten herumspiele.

Der Zoom nervt. Samsung verbaut im S4Z einen zehnfachen optischen Zoom. Leider ist dieser nicht stufenlos verstellbar wie bei normalen DSLR-Objektiven, sondern springt, wenn man dreht. Mit der Zeit dreht man sich dabei zu Tode, während des Versuches immer wieder den gewünschten Zoom-Bereich zu erwischen. Nach einigen Tagen hat mich das Rad so sehr zur Verzweiflung gebracht, dass ich den Zoom irgendwann nur noch auf Standard ließ. Einen weitereren Nervfaktor stellt der Blitz dar – er macht sehr oft genau das was ich nicht möchte. Hat man die Blitzautomatik aktiviert, will die Kamera in 99% aller Fälle die ganze Umgebung erleuchten, selbst bei sehr gutem Umgebungslicht. Es ist beinahe unmöglich etwas ohne Blitz zu fotografieren, wenn man diesen nicht vorher manuell deaktiviert. Was noch nervt ist die Stativ-Verschluss-Kappe. Man benötigt ca. 18 Stunden um diese aus dem Loch zu popeln.

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Leider ist auch die Kamera-Bedienung recht umständlich. Wenn man sich ein Kamera-Smartphone kauft, erwartet man im Normalfall einen Blitzstart der Kamera-App. Ich drücke auf den Knopf oder auf die App und Schwupps ist ein Bild durch die Linse sichtbar. Bei der Benutzung des S4Z habe ich aber leider immer das Bild eines übergewichtigen Einhornes vor meinem Inneren Auge. Das S4Z braucht gefühlte 38 Stunden um überhaupt einmal die App zu starten und ein Bild anzuzeigen. So drücke ich den Kamera-(Schnellstart-)Button auf der Seite und warte bis ein haptisches Feedback zu spüren ist. Leider funktioniert dieser Schnellstart-Trick nur, wenn zuerst das Display entsperrt wurde. Dann warte ich zusätzliche 3-5 Sekunden, bis die App bereit ist. Im Vergleich zum Motorola RAZR i, dessen Kamera in unter einer Sekunde startklar ist, möchte ich bei jedem Motiv das ich zu knipsen beabsichtige, das S4Z sofort in die Ecke legen.

Grundsätzlich muss ich dennoch zugeben, dass das S4Z sehr schöne Bilder schießen kann. Allerdings muss man immer etwas kämpfen und sehr viel rumprobieren, bis die Kamera das macht, was man möchte. Alle geknipsten Bilder und Videos findet ihr hier auf flickr.

Die Frontkamera nimmt Bilder mit 1,9 MP auf. Hat man allerdings ein 16-MP-Sensor auf der Rückseite, will man eigentlich nur damit Selfies machen. Die Sprachqualität beim Telefonieren ist akzeptabel, bricht aber auch keine neuen Rekorde. Einziger Wermutstropfen: Es sieht extrem dumm aus, mit einer Kamera am Ohr zu telefonieren. Dafür lässt sich das Zoom sehr gut als Musikplayer verwenden. Die Lautsprecher sind ordentlich laut und klingen sehr gut.

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Leistung: Solide Doppelherzpower

Bei der auf 1,5 GHz getakteten Exynos-CPU in Verbindung mit 1,5 GB RAM, kann ich wirklich nichts Schlechtes finden. Android 4.2.2 ist bei Auslieferung an Board und läuft flüssig in allen Bereichen. Zu meiner Überraschung machen 3D-Games keine Probleme und nur mit minimalsten Rucklern ist zu rechnen. Selbst das ressourcenhungrige TouchWiz sorgt für keine Verzögerungen im laufenden Betrieb.

Fazit: If it exists, there is a phone of it

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In der Pornoindustrie wird aus allem und jedem ein Schmuddelfilmchen gedreht. Ähnlich macht es Samsung – so kommt es mir zumindest vor- und baut aus allem und jedem ein Smartphone. Jedoch wird nicht alles benötigt und dazu gehört in meinen Augen auch das Galaxy S4 Zoom. Es ist zwar ein nettes Gerät, im Alltag aber gänzlich unbrauchbar. Es ist viel zu klobig, unhandlich und die Kamera nervt. Aktuell kostet das S4 Zoom noch knapp 365 Euro. Wer sich die Kohle sparen will, der sollte lieber zum Motorola Moto G greifen und sich vom restlichen Geld eine schöne Digitalkamera kaufen oder in den Urlaub fliegen. Wer professionell Bilder knipsen will, sollte eher zu einer Spiegelreflex greifen.

Alternative zum Galaxy S4 Zoom:

PS: Hier noch ein kleines Feature des Samsung Galaxy S4 Zoom: Benutzt man die Kamera eine Weile nicht, klemmt der Linsenschutz-Verschluss. Das sieht auf Fotos dann so aus wie oben. Klopft man kurz dagegen, geht die Klappe aber wieder auf.

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Florian Fritz

Essperimentalphysiker
Philanthrop und Handyfetischist der ersten Stunde. Alles begann mit dem Sagem MC-939. Später folgten das Siemens MT50, Sony Ericsson K300, BenQ Siemens S88, Motorola Defy, Samsung Galaxy Note 2 und das neue, dicke Ding in seiner Hose ist das OnePlus One. In seiner Freizeit identifiziert er liebend gerne Smartphones in freier Wildbahn und ruft deren technische Daten aus dem Gedächtnis ab. Über Twitter findet ihr noch mehr geilen Shizzle von mir.