HTC Desire Eye im Test: Selfie-Smartphone aus der Kamera-Hölle

HTC Desire Eye im Test: Selfie-Smartphone aus der Kamera-Hölle

Im März 2010 brachte HTC mit dem ersten Desire-Smartphone eine Modellreihe an den Start, die bisher kein wirklich spannendes Highend-Gerät mit dicken Specs an den Start brachte. Das Desire HD war ganz cool, aber eben auch sehr speziell. Mit dem Desire Eye kommt etwas frischer Wind in die Desire-Reihe, denn HTC will damit den Nischenmarkt der Selfie-Süchtigen angreifen. Betrachtet man neben den zwei dicken Kamera-Modulen noch Display, CPU, Akku-Ausdauer und den Preis, dann liegt das Desire Eye direkt auf Augenhöhe mit dem Motorola Moto X (2014). Allerdings verfügt das Moto X über wesentlich spannendere Features, wie etwa eine eigene Spracherkennungssoftware, wohingegen das Desire Eye eben nur mit seinen zwei 13 MP Kameras protzen will. Wie sich die und der Rest des Gerätes im alltäglichen Gebrauch schlugen, erfahrt ihr nach der grünen Fact-Box.

Technische Daten: HTC Desire Eye

  • Maße: 151,7 x 73,8 x 8,5 mm und 154 Gramm schwer
  • Display: 5,2 Zoll FullHD (1920x1080p)
  • Prozessor: Qualcomm Snapdragon 801 Quadcore CPU (2,3 GHz) mit Adreno 330 GPU
  • Arbeitsspeicher: 2 GB RAM
  • Interner Speicher: 16 GB (erweiterbar)
  • Kameras: Rückseite: 13 Megapixel Sensor, f/2.0-Blende, FullHD-Videoaufnahme, zwei LED-Blitze, 28mm-Weitwinkelobjektiv Front: 13 Megapixel Sensor, f/2.2-Blende, FullHD-Videoaufnahme, zwei LED-Blitze, 22mm-Weitwinkelobjektiv, mit AF
  • Akku: 2.400 mAh (Quick Charge)
  • Betriebssystem: Android 4.4.4 mit Sense 6.0
  • Konnektivität: NFC, Bluetooth 4.0 aptX, 3G, LTE, Wi-Fi 802.11 a/b/g/n, DLNA, A-GPS, GLONASS, nanoSIM, MicroUSB 2.0
  • Sonstiges: HTC BoomSound, Stereo-Frontlautsprecher, 3 Mikrofone, eigene Kamerataste, 100 GB Drive Speicher für 2 Jahre
  • Preis: ab 498 Euro ohne Vertrag
  • Farben: Blue Lagoon (Blau) und Coral Reef (Rot)

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Lieferumfang: Pappenheimer

Aktuell muss man knapp 500 Euro auf den Tresen knallen, wenn man das  HTC Desire Eye kaufen möchte. Bei diesem Preis erwarte ich daher schon eine gewisse Qualität bei der Verpackung und bei den mitgelieferten Teilen, wie etwa Ladegerät, Kopfhöhrer oder sonstige Goodies. Klar, die Verpackung fliegt normalerweise direkt nach dem Auspacken in die nächste Ecke und schimmelt dort vor sich hin, aber ein wenig Kreativität bei dem äußeren Erscheinungsbild und dem Zubehör wünsche ich mir dann schon. Selbst OnePlus bekommt das bei seinem Spar-Highend-Smartphone One auf die Reihen. Dann sollte HTC doch erst Recht etwas aus der Hutschachtel zaubern können – so sollte man meinen. Denkste. HTC machte einen auf faule Lutzi und nahm einfach das Design von der Verpackung des HTC One (M8), klebte einen anderen Aufkleber auf Vorder- und Rückseite und schon war die Sache gegessen. Finde ich persönlich etwas einfallslos und schade.

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Leider ließ mich auch der Inhalt eher ein „Meh“ ausstoßen, statt eines freudvollen „Yeah“. Unter dem Gerät selbst findet man: Einen Ladeadapter, ein USB-Ladekabel, schwarze Kopfhörer und eine Ladung Papierkram, die vermutlich kein Mensch auf der Welt je lesen wird. Die Verpackung besteht komplett aus Kartonage und ist zu 98% recycelbar, was sehr löblich ist. Aber vielleicht wirkt deshalb alles so billig, weil HTC einen auf Öko macht und schon davon ausgeht, dass direkt nach dem Auspacken alles in den Müll wandert.

Handling: Das muss flutschen

Frisch ausgepackt nehme ich das Desire Eye das erste Mal in meine wurstigen Finger und OH MEIN GOTT, fast wäre es mir wieder direkt auf den Boden geknallt. Denn die Rückseite ist unfassbar glatt und matt, so dass es nicht auf der Handfläche liegen bleibt, sondern einfach gerne das Weite sucht. Das Logo auf der Rückseite wirkt wie aufgemalt und schaut aus wie Dritte Klasse Grundschule Zeichenkurs. Das hätte man ruhig einfräsen oder herausstehen lassen können. So wirkt es nur billig und fühlt sich leider auch so an. Da die meisten Menschen sich sowieso eine Hülle kaufen, kann man diese beiden Kritikpunkte als eher unwichtig betrachten.

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Bei der Verarbeitung liefert sich HTC dafür weniger Schnitzer, und auch die Kombination aus zwei Farbtönen macht gut was her. Leider bekamen wir nur die Rot-Weiß-Variante, die im direkten Vergleich mit der Dunkelblau-Hellblau-Variante etwas abstinkt – ist aber Geschmackssache. Auf der linken Seite befinden sich zwei Slots fest eingesteckt, der eine Schacht ist für eine microSD und der andere für die MicroSIM vorgesehen. Diese beiden Steckplätze sind soweit die einzigen Teile die man von dem Gerät entfernen kann, der Akku sitzt fest verbaut unter dem Display und kann nicht mal kurz heraus genommen werden. Um das zu tun müsste man dann schon das gesamte Display und das Innenleben entfernen. Es gab sogar Momente in denen ich mir ernsthaft überlegt hatte, das Gerät komplett zu zerlegen, da das Kameramodul auf der Rückseite ziemlich laut klackerte, wenn ich mit dem Finger dagegen klopfte. Und das nervte mit der Zeit, da es immer, wenn ich es aus der Hosentasche zog, einmal klapperte. Im Unboxing-Video führe ich das Problem auch kurz vor, also fleißig angucken!

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Auf der Vorderseite hat das Desire Eye das selbe Problem wie schon das One M8 und das M9 haben: Es wird zu viel Platz verschenkt. Unter dem Display befindet sich eine schwarze Leiste mit HTC-Aufschrift. So ist ja nicht so als würde der Schriftzug auf der Rückseite nicht schon reichen. Zudem ist der schwarze Streifen auf der Vorderseite nicht nicht einmal mit Buttons belegt oder Funktionen belegt. Es ist einfach nur ein sinnloser Streifen, der das Gerät so groß macht, wie mein OnePlus One, das ein 0,3 Zoll größeres Display und eben solche Buttons besitzt. Mit der Zeit nervte dieser Streifen einfach nur noch unfassbar, da ich immer davon ausging, dass dort Hardkey-Tasten sein müssen.

Multimedia: Will viel, kann wenig

Fangen wir bei den beiden Kameras an. HTC verbaut zwei Sensoren mit je 13 MP. Allerdings haben beide unterschiedlichen Linsen bekommen und besitzen daher auch andere Brennweiten. Logischerweise besitzt die Frontkamera eine niedrigere Brennweite, weshalb man einen größeren Weitwinkel hat. Vermutlich aus dem einfachen Grund, dass bei Selfies mehr Dudes in das Bild passen. Auf dem Papier liest sich eine dicke MP-Anzahl natürlich toll und super fresh, so dass man damit angeben kann: „Hey, mein Smartphone hat zwei Kameras mit 13 MP – hihihi“. Im Alltag zeigen beide Kameras, dass eine hohe Anzahl an Megapixel eben nicht alles ist, um gute Fotos zu machen. Zwar sind die Bilder bei sehr viel Licht ansehnlich bis gut, doch bei Schnappschüssen und schwachem Licht ist die Kacke sehr hart am Dampfen. Denn dann wirkt alles matschig, pixelig, der AF kriegt überhaupt nichts scharf und es wird alles schlagartig scheiße, wo ich mich dann frage: „Warum zum Geier kostet das Smartphone noch mal 500 Tacken?“.

Und da helfen auch die tausend Features nicht drüber hinwegzuschauen, wobei die meisten davon auch einfach nur total unnötig sind. So kann man auswählen, dass beide Kameras gleichzeitig ein Bild knipsen, man kann etliche Effekte drüber legen, vier Fotos nacheinander knipsen (wie im Fotoautomaten) oder Panoramas oder aber Photo-Spheres machen. Klingt alles super toll, ist allerdings nicht wirklich nützlich im Alltag. Und auch der Blitz auf der Vorderseite klingt auf dem Papier super geil, da Selfies dann endlich mehr Licht bekommen und nicht mehr so pixelig wirken, aber tatsächlich hat man immer die Augen geschlossen, da der Blitz unfassbar hell in die Fresse blitzt. Ließe man dabei die Augen offen, würde man für die nächsten zwei Minuten einen dicken, weißen Kreis vor dem inneren Auge sehen.

Über das Betriebssystem Android 4.4.4 legt HTC die eigene Oberfläche Sense 6.0. Hier scheint HTC irgendwie vergessen zu haben das Feature „Dotview“ abzuschalten, da es aktuell noch kein passendes Zubehör dafür gibt und dennoch verfügbar ist. So kann man sich schicke Muster aussuchen, wird diese aber nie zu Gesicht bekommen, da es eben keine Hülle mit Löchern gibt. Ist aber vermutlich einfacher die gleiche Version auf das Desire zu packen, die eben auch auf dem One M8 liegt.

Alle weiteren Features wie Blinkfeed, Zoe oder Kritzeln, dürften dem gemeinen HTC-Fan bekannt sein und sind fix erklärt. Blinkfeed ist so in etwa eine Startseite, auf der die wichtigsten News in mehreren Kacheln dargestellt sind. Zoe kann Gifs erstellen und bei Kritzeln kann man Zeugs zeichnen. Zudem gibt es Zoodles, wo man einen Kindermodus aktivieren kann, so dass der eigene Nachwuchs keinen Scheiß baut und heimlich die Schwiegermutter anruft. Ich brauchte die Features nicht wirklich und würde mir wegen denen auch kein HTC Smartphone kaufen.

Spannender sind da schon die zwei verbauten Lautsprecher, die nach vorne zeigen und von HTC als BoomSound bezeichnet werden. Sie fühlen sich zwar richtig scheiße an, weil sie unter Ritzen liegen, die gerne Staub aufsaugen. Doch dafür hören sie sich umso geiler an. Ohne Spaß, die Dinger machen besseren Sound meine Soundboxen, die ich hier so rumliegen habe. Daher nutzte ich das Desire Eye gerne mal als Soundmaschine, um die Gegend mit meinem genialen Musikgeschmack zu beschallen. Würde ich in einer Großstadt wohnen, ginge ich damit jeden Tag in die Ubahn, um die Ohren meiner Mitmenschen zu penetrieren. Fuck Yeah.

Auch die beigelegten Kopfhörer sind ganz okay, aber nicht wirklich auf Top-Niveau. Meine Apple EarPods sind mir dann da doch lieber, da sie einfach angenehmer zu tragen sind.

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Ausdauer: Mittel ohne Klasse

Die Akku-Laufzeit des Desire Eye war soweit immer ganz okay, haute mich aber auch nicht vom Hocker. Glücklicherweise holte der Energiesparmodus von HTC immer noch Einiges an Laufzeit raus, doch das können andere Smartphones ebenfalls und zum Teil sogar besser. Wer es mal eilig hat und mit dem Desire Eye unbedingt noch Bilder zu knipsen will, obwohl der Akku noch bei 1% ist, der kann es für 30 Minuten an den Rapid Charge Adapter hängen und bekommt bäm bäm ganz schnell 50-60% Ladung rein geschossen. Um auf 100% zu kommen, bedarf es dann aber doch etwas mehr Zeit, läppsche 2h ging das immer – ist aber auch vom Adapter abhängig.

Eine volle Ladung (100%) reichte mir meist locker bis zum Abend, wenn ich es denn morgens um 8 Uhr ausgesteckt hatte. Meist lag ich am Ende des Tages so bei 20%, je nachdem wie viel ich gezockt oder durch die Welt gewhatsapped habe.

Leistung: Schnell und vollgepumpt

Zur CPU kann ich eigentlich kaum etwas Neues erzählen, da der Snapdragon 801 auch im HTC One M8, im Xperia Z3 oder im OnePlus One steckt und bereits dafür bekannt ist flotte Performance zu bieten. Im Desire Eye läuft ebenfalls alles flüssig, keine Ruckler, nur die Kamera löst in meinen Augen etwas sehr langsam aus. Doch dafür kann der Snapdragon ja nicht allzu viel.

Der interne Speicher fasst auf dem Papier 16 GB Speicher. Am Ende hat man allerdings nur etwa 8 GB zur freien Verfügung, was etwas schade ist. Schätzungsweise belagert Sense rund 2-4 GB des Speichers, was in meinen Augen etwas zu viel des Guten ist. Das stellt aber kein Problem dar, da man mit Hilfe einer microSD alle wichtige Daten auslagern könnte und somit der interne Speicher frei bliebe für Apps, Games und die neueste Pornos von und mit Daisy Haze – es sei denn man will letztere ebenfalls auslagern. Dennoch ist es eine Frechheit, dass ein aufgespieltes System so viel an Speicher belegt. HTC ist dennoch nicht komplett fies und spendiert dem Käufer 100 GB kostenlosen Cloudspeicher bei Google Drive – allerdings nur für 2 Jahre.

Fazit: How about Nope

Alles in allem überzeugte mich das Desire Eye nicht. Das schlechte Handling, das klackernde Kameramodul (kann aber auch nur ein Einzelfall sein), die schwache Kamera-Leistungen und der hohe Preis sind für mich Faktoren die ich von einem Smartphone erwarte, das höchstens 200 Euro kostet. Ich verstehe daher nicht, weshalb HTC das Eye im Highend-End-Bereich ansiedelt. Würde es nur 250 Euro kosten, wäre es vielleicht für den einen oder anderen Selfie-Hipster, wie Marcel, spannend. Aber mit dieser spärlichen Ausstattung kann ich es euch nicht empfehlen. Vielleicht hätte HTC gut daran getan, wenn sie noch einfallsreiche Goodies wie etwa einen Bluetooth-Selfie-Stab dazu zu legen, damit man immerhin noch sagen könnte: „Hey, die haben sich echt was dabei gedacht.“. Leider wirkt es auf mich eher als wäre es nur ein Schnellschuss gewesen, in dem wenig R&D und Einfallsreichtum stecken. Das Geld würde ich dann doch eher in ein wertigeres Gerät, wie etwa das Moto X oder das Note 3 stecken.

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Florian Fritz

Essperimentalphysiker
Philanthrop und Handyfetischist der ersten Stunde. Alles begann mit dem Sagem MC-939. Später folgten das Siemens MT50, Sony Ericsson K300, BenQ Siemens S88, Motorola Defy, Samsung Galaxy Note 2 und das neue, dicke Ding in seiner Hose ist das OnePlus One. In seiner Freizeit identifiziert er liebend gerne Smartphones in freier Wildbahn und ruft deren technische Daten aus dem Gedächtnis ab. Über Twitter findet ihr noch mehr geilen Shizzle von mir.