Amazon Fire Phone im Test: So beschissen wie alle sagen?

Amazon Fire Phone im Test: So beschissen wie alle sagen?

Was war ich damals freudig erregt als bei Mydealz der Preisfehler des Amazon Fire Phones auftauchte. Läppische 10 Euro sollte das Gerät damals ohne Vertrag kosten, leicht weniger als die festgelegte UVP von etwa 400 Euro. Leider stornierte Amazon fast alle Bestellungen, schickte irgendwie dennoch ein paar Fire Phones an ausgewählte Menschen raus – wobei ich leider nicht unter den Glücklichen war. Umso aufgeregter war ich vor knapp drei Wochen, als da das Fire Phone im Briefkasten lag. Zwei Wochen testete ich das Multimedia-Biest und werde euch nun verraten was ich davon halte. Zuerst aber noch kurz die Specs:

 Technische Daten: Amazon Fire Phone

  • Maße: 139,2 x 66,5 x 8,9 mm und 161 Gramm schwer
  • Display: 4,7 Zoll HD (1280×720 Pixel = 315ppi) mit Corning Gorilla Glass 3
  • Prozessor: Qualcomm Snapdragon 800 Quadcore CPU (2,2 GHz) mit Adreno 330 GPU
  • Arbeitsspeicher: 2 GB RAM
  • Interner Speicher: 32 GB oder 64 GB (nicht erweiterbar)
  • Kameras: Rückseite: 13 Megapixel Sensor, f/2.0-Blende, FullHD-Videoaufnahme mit 30fps, zwei LED-Blitze, OIS, BSI, AF, LED-Blitz Front: 2,1 Megapixel Sensor, FullHD-Video mit 30 fps
  • Akku: 2.400 mAh (Quick Charge)
  • Betriebssystem: Fire OS 3.6 basierend auf Android 4.2.2 (API 17)
  • Konnektivität: NFC, Bluetooth 3.0+EDR, 3G, LTE, Wi-Fi 802.11 a/b/g/n/ac, DLNA, A-GPS, GLONASS, NFC, nanoSIM, MicroUSB 2.0, 3,5mm Klinkenanschluss,
  • Sonstiges: 2 Lautsprecher unterhalb, Dolby Digital Plus, Vier zusätzliche Shutter-Kameras mit Infrarot-LEDs und Motion-Tracking Algorithmen, extra Kamera-Button
  • Preis: ab 199 Euro ohne Vertrag, mit Telekom-SIM-Lock
  • Farben: Schwarz

Lieferumfang: Sehr edel

Dass sich Amazon bei dem Fire Phone sehr viel Mühe gegeben hat, merke ich bereits bei der Verpackung. Eine leicht glatte, mit Dreiecken gemusterte Hülle umschmückt das darunter liegende Karton-Paket, in dem sich das Fire Phone und der übliche Krempel befinden. Das Verpackungsdesign ist insgesamt in Schwarz-Rot gehalten und wirkt recht elegant. Öffnet man den Karton, winkt bereits das Fire Phone entgegen. Darunter liegen ein paar Hinweis-Zettel und daneben befindet sich ein Fach mit Ladeadapter, Lade-USB-Kabel und Kopfhörer. Letztere hat Amazon selbst entwickelt, dazu später mehr.

lieferumfang

Alles in allem gefällt mir der Lieferumfang des Fire Phones sehr gut, der Ladeadapter ballert 1,8A aus der Steckdose durch das knapp 1 Meter lange USB-Kabel direkt in das Fire Phone. Es sieht einfach alles schick und wertig aus, von dem dicken Adapter bis hin zu der Verpackung. Da haben sich wirklich ein paar Menschen Mühe gegeben und Gedanken gemacht (vermute ich, da die Dreiecke eine leichte 3D-Wirkung haben – Anspielung: 3D-Effekte des Fire Phones).

Handling: Sehr unhandlich

So schön wie der erste Eindruck war, so schnell ist dieser wieder verflogen, als ich das Fire Phone das erste Mal in die Finger nehme. Es fühlt sich schwer, rutschig und recht unangenehm an. Die Rückseite ist, wie auch die Vorderseite, mit Gorilla Glass 3 bedeckt. Erinnert ein wenig an das Nexus 4, nur ohne Effekte unter dem Glas. Leider flutscht die Rückseite so gut, dass es mir in den zwei Wochen fast drei Mal aus den Fingern gerutscht wäre (fast!). Mit einer Hülle ließe sich das wohl umgehen, die kostet aber extra. Zudem sind Vorder- und Rückseite sehr anfällig für Fingerabdrücke.

Die Ränder bestehen aus mattem Plastik und fühlen sich sogar ganz cool an. An der oberen Kante des Fire Phone sitzen Power-Button, ein Lautsprecher und der 3,5mm Klinkenstecker-Steckplatz. Links befinden sich gleich drei Buttons: Laut, Leiser und der Kamera-/FireFly-Button, dazu später mehr. Auf der Unterseite haben wir noch den microUSB-Stecker und zwei weitere Lautsprecherbuchsen. Die rechte Seite wurde merkwürdigerweise komplett freigelassen.

rechte-seite

Insgesamt sind die Buttons sehr verwirrend angeordnet. Der Power-Button wäre auf der rechten Seite viel besser aufgehoben, da es leicht unangenehm ist immer nach links oben zu fassen. Der Kamera-/FireFly-Button wäre ebenfalls auf der rechten Seite besser angebracht gewesen, da er sehr nahe am Leiser-Button platziert ist und es sehr oft passiert, dass man die beiden verwechselt und sich wundert, dass auf einmal die Kamera startet, wenn man einfach nur den Ton des Pornos leiser schalten möchte.

kameras-homebutton

Auf der Front ist noch ein Homebutton verbaut, der, wie bei fast jedem Smartphone, zurück zum Homescreen führt und mit einem Doppeldrücken die Sprachassistentin startet. Es gibt somit insgesamt fünf Knöpfe zu betätigen, was meiner Meinung nach zu viele sind.

Multimedia: Sehr viel

Bei Smartphones ist es sehr schwer etwas besonderes auf den Markt zu bringen. Denn prinzipiell gibt es schon beinahe fast alles Denkbare zu kaufen. So entschied sich Amazon wohl dazu ein Gerät zu bauen, das einfach nur unfassbar viele Features besitzt, die ein normaler Mensch eigentlich nicht braucht.

FireOS: Wie Android, nur eben beschissen

Bei dem Betriebssystem setzt Amazon auf Android 4.2.2, wandelt dieses aber so stark ab, dass nicht einmal Google Apps installiert sind. Wer Apps laden möchte, muss dies über den App Store von Amazon erledigen, wo es aktuell rund 240.000 Apps gibt. Viele wichtige Apps sind vorhanden, also kein Grund zu Weinen soweit. Leider lassen sich fehlende Google-Apps, also Chrome, Maps, Hangouts, etc. nicht nachträglich installieren.

Nerviger ist dafür das FireOS an sich. Es gibt einen Homescreen, auf dem übergroß die zuletzt verwendeten Apps angezeigt werden und darunter stehen dann noch ein paar Daten zu der App (zuletzt geknipste Nacktfotos oder ähnliches). In der untersten Reihe auf dem Bildschirm lassen sich vier Apps ablegen. Mit einem Wisch nach oben – oder durch Drücken des Homebuttons – kommt man zum App-Drawer, der alle installierten Apps auflistet, Widgets gibt es nicht.

Durch einen Wisch von links nach rechts öffnet sich eine Liste mit Schlagworten, die auf (insbesondere für Amazon interessante) Bereiche verweisen: Apps, Spiele, Hörbücher, Bücher, Einkaufen und Prime sind nur einige Auswahlmöglichkeiten, die hier angeboten werden. Ganz ehrlich, die Option hätten sie auch weglassen können. Mit einem Wisch von rechts nach links lässt sich ein Grid öffnen, wo wichtige Neuigkeiten zu finden sind (Wetter, etc.) – braucht auch kein Mensch.

Auch die Menüführung ist recht umständlich und unübersichtlich gehalten. Geht man in die Einstellungen wird man zuerst von sehr vielen Wörtern erschlagen – mal was von Icons gehört? Die Optionen sind recht willkürlich aufgelistet und sogar eine Suche für die Einstellungen ist vorhanden, vermutlich weil sie schon ahnten, dass alles sehr verwirrend wird. Dazu gibt es noch die Option „Vergrößern“, die alle Punkte mit einer Milliarde Unterpunkten füllt, was die Sache nicht gerade vereinfacht.

Sprachassistentin: Versteht alles, kann aber nicht viel

Die Sprachassistentin des Fire Phones lässt sich über zweimaliges Drücken des Homebuttons aufrufen. Überraschenderweise funktioniert die Spracherkennung sehr gut, meiner Meinung nach sogar besser als die von Google Now oder Cortana. Leider kann das Fire Phone nahezu alles in Text umsetzen, kommt aber nur mit sehr wenigen Befehlen klar, was sehr schade ist und die Funktion daher recht unbrauchbar erscheint. Man kann lediglich SMS/Mails schreiben, jemanden Anrufen oder nach Dingen im Internet suchen. Leider werden die Ergebnisse bzw. Definitionen von Begriffen nicht vorgelesen, was damit sehr witzlos erscheint.

FireFly: Schwache Darbietung

FireFly nennt Amazon die eigene Suchfunktion, die mit Hilfe der rückseitigen Kamera Gegenstände erkennt und direkt den Link zu Amazon anbietet. Zudem gibt es noch zwei Unterfunktionen, die mit Hilfe des Mikrofons den Ton analysieren und so erkennen welche Serie/welcher Film gerade im Fernseher läuft oder welcher Song gerade läuft. So viel zur Theorie. In der Praxis funktioniert lediglich die Sound-Analyse und Zuordnung von Serien/Filmen/Songs. Das Kamera-Feature erkannte irgendwie fast keine Gegenstände. Die Funktion ist zwar einfach zu bedienen, man drückt auf den Gegenstand, den man erkannt haben will und schon fliegen ein paar Glühwürmchen drum herum und sagen dir dann irgendwann, dass sie nichts erkennen. Witzige Idee, komplett nutzlos und braucht kein Mensch. Die Sound-Erkennung hätte gereicht.

3D-Face-Tracking: Dynamic Perspective genannt

Das nächste coole und sinnlose Feature ist die 3D-Funktion des Fire Phones, auch Dynamic Perspective genannt. Hierfür hat Amazon etliche Jahre geforscht, um diese Funktion zu perfektionieren. Es sind auf der Vorderseite 4 spezielle Ultra Low Energy-Kameras eingebaut und 4 zusätzliche Infrarot-Lichter, die den Kameras erlauben auch Nachts die Umgebung zu sehen und zu tracken. Die vier Kameras filmen quasi dauerhaft was so vor dem Gerät los ist, um dann live zu berechnen wo im Raum sich gerade der Kopf des Besitzers befindet, um das Bild auf dem Smartphone dahingehend anzupassen. Ihr bewegt also den Kopf und das Fire Phone simuliert eine bewegende Umgebung, so dass es wie 3D wirkt.

Und ja, es funktioniert tadellos, sieht sehr geil aus, braucht aber trotzdem kein Mensch. Der Hintergrund des Lockscreens ändert sich immer mal wieder, so dass es immer neue Landschaften zum anschauen gibt, die sich zudem mitbewegen. Außerdem sind gleich drei Spiele vorinstalliert, mit denen sich die Funktion ausleben lässt. Leider schmerzt bei dem Puzzle-Spiel irgendwann der Hals, weil ich immer hin und her schauen musste, um das Puzzle komplett sehen zu können. Dann gibt es noch einen Affen, nicht wirklich ein Spiel, den ihr antippen und schief anschauen könnt, so dass er mit euch interagiert. Ist ganze 2 Minuten lustig und danach wird die App nie wieder benutzt, es sei denn man will einem Freund die 3D-Wirkung demonstrieren, der dann ebenfalls für 2 Minuten begeistert ist.

Ebenso funktioniert die 3D-Sache bei Maps (nicht Google Maps) und bei der normalen Bedienung von FireOS. Jeder noch so kleine Text besitzt eine Schattierung, die sich je nach Lage des Kopfes bewegt. Komplett unnötig!

Kamera: Mehr Tiefen als Höhen

Neben den vier Mini-Kameras sind noch zwei normale verbaut. Die Frontkamera macht ganz brauchbare Selfies, doch was die rückseitige Kamera macht, konnte ich nicht ganz verstehen. Beim ersten Benutzen versagte sie komplett, es war nur ein schwarzes Bild zu sehen. Es wurde dann besser, doch der Blitz spielte anschließend verrückt und belichtete alles über. Wieder etwas später war dann alles okay, doch der Fokus stimmte dann irgendwann nicht mehr. Teilweise waren die Bilder einfach nur unscharf und durch Setzen des manuellen Fokus ließ sich das nicht beheben. Wenn die Kamera dann irgendwann funktionierte, waren die Bilder ganz brauchbar, dennoch nervte es die meiste Zeit.

MayDay: Wozu braucht man das?

Amazon will dem Besitzer eines Fire Phones sehr viel bieten. Und so fand eine 24/7-Support-Funktion Einzug in das System. Über die MayDay-Funktion kann man zu jeder Tages- und Nachtzeit Hilfe bekommen, wenn man irgendwelche Probleme hat. Die Hilfe erfolgt entweder über einen Chat oder über Videotelefonie. Habe die Funktion nicht getestet, weil ich nicht wusste was ich fragen sollte, aber wird schon funktionieren.

Sound: Ab in die Ohren

Amazon will auch beim Sound alles richtig machen und verbaut zwei Lautsprecher in die Unterseite des Fire Phones, bei denen sie sich Dolby mit ins Boot geholt haben. Dolby Digital Plus heißt das Zauberwort und soll den ausgegebenen Sound noch geiler machen. Gut, es bewirkt nun keine Wunder, der Sound ist dennoch ganz gut, sowohl durch die eingebauten Lautsprecher als auch durch Headsets.

Die mitgelieferten Kopfhörer machten einen sehr guten Eindruck. Flachbandkabel, magnetische Stöpsel und eine gute Verarbeitung machen Bock auf Mukke. Es sind keine In-Ears, sondern erinnern leicht an die EarPods von Apple. Sie liegen gut im Ohr und klingen auch gar nicht mal so scheiße.

Leistung: Sehr schnell

frontal

Apps laufen flüssig, keine Ruckler und die Bedienung erfolgte ohne Probleme. Dank Snapdragon 800 und Adreno 330 GPU laufen auch alle Spiele flüssig, trotz der dauerhaft laufenden 3D-Effekt-Kacke von Amazon. Bei der Performance kleckert das Fire Phone nicht. Würde das Smartphone mit Standard-Android laufen, wäre es aber vermutlich schneller.

Ausdauer: Sehr normal

Nicht zu groß und nicht zu klein ist der verbaute Akku. Ganze 2.400 mAh passen rein und sorgen für überraschend langen Atem. Ein Tag ist locker drin, obwohl sehr viel Technik damit versorgt wird. Grundsätzlich fiel es mir auf, dass ich das Fire Phone aber am liebsten einfach auf dem Tisch hab liegen lassen, weil FireOS nervt. Die aufgezwungene Amazon-Konto-Pflicht, die schlechten Anpassungsmöglichkeiten und der ständige 3D-Shizzle machen so viel Freude, dass ich lieber auf das Gerät verzichte, anstatt ständig auf 9Gag zu surfen oder Fotos von meinem besten Stück Essen zu versenden.

Fazit: Sehr schwach

rueckseite

Das Fire Phone könnte ein wirklich cooles Smartphone sein, insbesondere seit es nur noch 199 Euro in der 32GB-Version und 269 Euro in der 64 GB-Variante kostet. Leider versaute Amazon den Gesamteindruck mit dem sehr nervigen FireOS, der Kamera, die so wechselhaft ist wie die Launen einer Frau, der unpraktischen Platzierung aller Buttons und dem Telekom-Simlock. Wie kann man so schlau sein und ein Smartphone auf den Markt bringen, dass nur mit einem Netzbetreiber kompatibel ist?

Wenn man es entsperren will, verlangt die Telekom knapp 100 Euro, was noch fast die größere Frechheit ist. Wer diese glorreiche Idee hatte, dem sollte man die Haustüre mit Pferdeköttel bewerfen. Ein normal denkender Mensch kommt doch niemals auf die Idee ein „Android“-Smartphone mit Simlock für nur einen Netzbetreiber zu versehen und überhaupt gar keine Version ohne Lock anzubieten. Simlock war das letzte Mal im Jahre 2010 cool.

Nein, Danke. Für 199 Euro solltet ihr euch lieber ein Moto G (2014), Wiko Getaway oder ein Honor 3C anschauen. Damit habt ihr mehr Freude und spart euch ein paar Euronen.

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Florian Fritz

Essperimentalphysiker
Philanthrop und Handyfetischist der ersten Stunde. Alles begann mit dem Sagem MC-939. Später folgten das Siemens MT50, Sony Ericsson K300, BenQ Siemens S88, Motorola Defy, Samsung Galaxy Note 2 und das neue, dicke Ding in seiner Hose ist das OnePlus One. In seiner Freizeit identifiziert er liebend gerne Smartphones in freier Wildbahn und ruft deren technische Daten aus dem Gedächtnis ab. Über Twitter findet ihr noch mehr geilen Shizzle von mir.